Nach dem Abitur besuchte ich in München Malschulen, staatliche, private, und studierte Kunstgeschichte. Als Student schrieb ich, für mich, Aufsätze über moderne Kunst. Matisse war meine erste Begegnung mit ihr, Paul Klee, meine erste, lebenslange Liebe. Obwohl der Expressionismus regierte, machte ich mir nicht viel aus ihm. (Wie mit der Lupe)
 
 Rosso Fiorentino und die Folgen
Als Dissertation wählte ich ein Thema, das Studienreisen in viele Länder Europas erforderte; so kam ich ein bißchen herum. Dann schrieb ich die einzige seriöse Arbeit meines Lebens, eben die Dissertation. Sie befaßte sich mit einem Manieristen, dem Florentiner Maler Rosso, der nach Fontainebleau ging, weil Michelangelo dazu keine Lust hatte. (Wie mit der Lupe)

Vielleicht erklärt sich Kusenbergs Interesse an Rosso als Künstler, ja möglicherweise sogar die wesentliche Erkenntnis der Jahre der Promotion in einigen Zeilen, die er Jahrzehnte nach seiner Dissertation verfaßte. In seinem Buch "Mit Bildern leben" nennt er Rosso einen der Maler, die Opposition gegen die Selbstverständlichkeit der Linearperspektive trieben, "indem sie den siegreich eroberten Bildraum absichtlich verunklärten und seine Einheitlichkeit in Frage stellten. Sie verdrängten den geometrisch-objektiven Raum durch den subjektiven Empfindungsraum, sie nahmen etwas vorweg, was erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder aufgegriffen wurde" (Mit Bildern leben, S. 51).


Giovanni Battista di Jacopo
wegen seines roten Haares  "Il Rosso" genannt.

  
Daß sich seine Ausführungen über Maler auch auf sein Schaffen als Schriftsteller beziehen, läßt sich nicht nur aus der Ganzheit seines Arbeitens ableiten, sondern wird auch belegt durch ein Zitat aus einem Brief des Jahres 1954 an Ledig-Rowohlt: "Ich bin ein Augenmensch, als Kunstliebhaber oder Erzähler; eigentlich 'male' oder 'zeichne' ich meine Geschichten." So zeigt sich in den Zeilen zu Rosso mithin ein Leitmotiv im gesamten Werk und Leben Kusenbergs, das noch klarer im Epilog des Buches dargelegt wird: 

"Die wahre Kunst ist: Unwirklichkeit üben," zitiert er Lovis Corinth und führt weiter aus: "Unwirklich ist alle Kunst, weil sie nicht in der Wirklichkeit steckt, aus ihr nicht abgeleitet werden kann und mit ihr nicht übereinstimmt. Kunst, das ist immer Erfindung, etwas Un-Notwendigkeit, Nicht-Vorhersehbares, eine Gegenwelt zu der Welt um uns her - ihre unmeßbare Bereicherung, Verfeinerung, Überhöhung. Wer Kunst macht oder liebt, der lebt wirklich zweimal." (Mit Bildern leben, S. 115).

   
Möglicherweise ist dies der Schlüssel zum Verständnis des vermeintlich Absurden, des Seltsamen, Sonderbaren, Wunderlichen, Kuriosem in Kusenbergs Geschichten, ja seinem ganzen Schaffen. Denn trotz aller Bekundungen Kusenbergs, daß sich in seinen Geschichten nirgends Sinn finden lasse, offenbart er in Ihnen wohl doch etwas, nämlich sich und seine schöpferische Kraft, wie das folgende Zitat verdeutlicht: 
"Wie weit sich ein Maler mit der Natur einläßt... hängt allein davon ab, was er auszudrücken beabsichtigt. Sicher ist, daß er seine Natur in das Bild hineinspiegelt; seine Sachlichkeit oder seinen Schwung, seine Liebe zum Großen oder seine Liebe zum Kleinen, seine Geistigkeit oder seine Sinnlichkeit, seine Melancholie oder seine Lebenslust. Aus der Wesensfülle der menschlichen Natur zieht die Kunst ihren Reichtum." (Mit Bildern leben, S. 117).

An diesem Reichtum können wir teilhaben, wenn wir uns auf Kusenbergs Gegenwelt einlassen. Und wie durch die Blicke auf die Werke der Maler Bilder in uns selbst entstehen, so treiben Kusenbergs Figuren und Geschichten bunte Blüten in unserer Phantasie. 
Kusenbergs Geschichten geben keinen Sinn vor, genauso wenig wie die Welt. Aber erst dadurch bleibt jeder Einzelne frei, seinem Denken und Leben einen ihm eigenen Sinn zu geben. Es ist das Vergnügen an dieser Freiheit des Denkens, dieses Spiels mit der Wirklichkeit, das wir empfinden, wenn wir Kusenbergs Geschichten lesen.

 
nächste Seite:
Kusenbergs Publikationen zu Kunst und Künstlern