A propos: DAS KOMPLIZIERTE DASEIN

 Schiffe

"Ein höchst vergnüglicher Führer durch das Bestiarium der Kunst und des Lebens"

1932 veröffentlicht Kusenberg 25 kurze Artikel, wovon 19 auch ab August 1932 in der Zeitschrift Weltkunst erschienen (waren). Für das Bändchen "A propos: Das komplizierte Dasein" wählt Kusenberg das Pseudonym "Simplex", ein kleiner Neffe des "Simplizissimus" (S.36).
Keiner dieser Aufsätze wird später nochmals publiziert. Das schmale Buch ist heute - selbst in Zeiten der Internetrecherche in großen Antiquariats-datenbanken - kaum mehr aufzutreiben. Dies ist bedauerlich, da in diesen Artikeln einige Bemerkungen grundsätzlicher Natur zu Themen zu finden sind, die das spätere Leben Kusenbergs - von seiner Arbeit bis hin zu seinen persönlichen Vorlieben - bestimmen sollten.

Sehr bemerkenswert sind zudem die graphische Gestaltung des Umschlages und Einbandes.

Kusenbergs Faszination für "Buddelschiffe" als Symbol der fröhlichen Seefahrt zeigt sich hier wohl zum ersten Mal:
Natürlich Segelschiffe. ...Betörende Nautik!
Segelschiffe sind Kunstträger. Conrad ist mit ihnen in die Weltliteratur, Feininger in die Kunstgeschichte gesegelt. Rimbaud und Ringelnatz haben sich durch die Einführung des Alkohols in die maritime Dichtung Verdienste erworben. Ihnen zu Ehren erfand man jene Flaschen, die entzückende, mühselig hineinpraktizierte Miniaturschiffchen liebevoll umspannen.
Nichts bleibt uns als Joseph Conrad und Ringelnatz im Bücherregal, als das Schiffsmodell auf der Kommode und der Grog neben der Schreibmaschine. An ihn wollen wir uns halten.

 

 Scribere   Das komplizierte Dasein

In dieser launigen Eröffnung markiert Kusenberg das Spannungsfeld seines zukünftigen Schaffens zwischen Selbstheilung und -entfaltung, zwischen dem Wunsch, zur Kenntnis genommen zu werden, und der Sorge, daß dies unvermeidlich mit Ärger verbunden ist:
Schreiben ist ein wundersames Linderungsmittel.
Schreiben ist ein Beruf.
Der wahre Schriftsteller schreibt ohne Doping. Es schreibt aus ihm, er ist besessen.
Wer schreibt, macht sich Feinde.

Und augenzwinkernd rechtfertigt er die Wahl eines Pseudonyms:
Pseudonyme decken Doppelleben, des Erdenkindes höchstes Glück. Ein einziges Leben reicht gerade zur Vorbereitung; im freieren Doppelleben entfalten sich erst die Resultate.
Pseudonyme dienen als Versuchsballons oder einer pensionsberechtigten Stellung als Leibschutz.
Hinter Simplex verbirgt sich eine sehr hochgestellte Persönlichkeit, die aus naheliegenden Gründen nicht genannt werden möchte. Im allgemeinen halten Pseudonyme nicht lange. Der Stilkundige löst sie auf und vollzieht damit die im Stillen erhoffte Demaskierung.

 

 

Hier zeigen sich zum ersten Mal Ansätze seiner später oft geäußerten Warnung vor der Suche nach Sinn in seinen Schriften:
Geh niemals einer Sache auf den Grund. Eine Sache ist nur solange klar, als sie nicht erklärt wird.
Verlaß Dich auf den Augenschein. Er trügt, aber er ist das einzig Stabile im Leben.
Sei einfach. .. Einfachheit ist ein klein wenig dumm und verbiegt den Tatbestand. Das aber ist so gut, denn der Tatbestand läßt sich ohnehin nicht ergründen.

 Sammeln

Die eher beiläufigen Bemerkungen über den Sammlertrieb schließen mit Gedanken zu den Zeitläuften und an Menschen, die sich mit der Unverrückbarkeit heldenhafter Statuen dem braunen Gruß verweigern. Aber vielleicht lesen wir hier zuviel heraus:  
Man sollte aber eigentlich beim Sammeln nie dessen tieferen Sinn vergessen. Ich sammle Bücher, deren Titel mit B anfängt; einer meiner Freunde sammelt Bronzen, denen der rechte Arm fehlt. Es muß eben eine Weltanschauung hinter dem Sammeln stehen.

 Der Redakteur

 Der Kunsthistoriker

 Herbstliche Elegie

Wohl durch seine Einblicke in den Journalismus dank seiner Arbeiten für die "Weltkunst" und die "Vossische Zeitung" hat Kusenberg früh alle Träume verloren, die man mit der Arbeit eines Redakteurs verbindet. In seiner späteren Tätigkeit als Redakteur der Zeitschrift Koralle mag er wohl manches mal an diese Zeilen gedacht haben:
Mit tausend Fäden an den Redaktionstisch verhaftet ... träumt der Redakteur .. von Romanen, die er nie schreiben wird, von unabhängigen Zeitungen, die er nie gründen wird.
Das Niveau einer Zeitung ist ein unerklärliches Übereinkommen, das sich aus tausend guten Vorsätzen, tausend Resignationen und tausend Rücksichten... zusammensetzt.
Der eigentliche Gott ist der Verleger oder Verlagsleiter, der aus tieferem Wissen um die Geschäftsbilanz jene ehernen Direktiven schöpft, vor denen sich Feuilleton und Politik demütig beugen

Wie eine Bestandsaufnahme, ja fast eine Abrechnung seines bisherigen Berufslebens lesen sich diese lakonischen Zeilen über die soziale Kluft zwischen Ansehen und Ertragskraft des "Zeremonienmeisters der Musen": 
Seine soziale Stellung ist unklar. Seiner Ausbildung gehört er zu den oberen Zehntausend, seinen Verdienstchancen nach zu den unteren sechs Millionen.
Im Kunsthandel findet der Kunsthistoriker innendekorative Verwendung.
Der Kunsthistoriker ist ein wurzelloser Mensch. Er  ist zu allem fähig und macht aus diesem Zustand labiler Tatkraft eine kokette Permanenz.

Wir wollen den Gram ertränken. Weg mit der Zeitung, her mit der Flasche! ...Es ist der einzige Mutwille der uns noch bleibt. Und schon ist er zu Ende, denn die Flasche hält nicht soviel, als sie verspricht. Auch sie nicht.
Hier finden sich die ersten offenen Zeilen zu Kusenbergs Umgang mit dem "eingefangenen Sonnenschein". Er hat hieraus nie ein Hehl gemacht, ja im Gegenteil die produktive Wirkung des Alkohols 1965 durch die Veröffentlichung seiner bacchischen Anthologie "Der ehrbare Trinker" belegt. Der Vergänglichkeit dieser Fluchten war er sich stets bewußt, und hat sie doch wohl immer wieder ergriffen.